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Deutscher Flottenverein ArtikelDeutscher Flottenverein (DFV) war ein Zusammenschluss von Einzelpersonen und Vereinen, die politisch auf einen Ausbau der Flotte des Deutschen Reiches hinwirken wollten. Er hatte maßgeblichen Einfluss auf die Politik in dem Kaiserreich. Gegründet wurde er am 30.04 1898 und bestand bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten in dem Dezember 1934. In den Jahren 1919 bis 1931 firmierte er unter dem Namen Deutscher Seeverein .
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Imperialismus auf dem Dorf | |
Historischer Hintergrund
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Nach 1880 kam es zu einem Wettlauf um die Aufteilung der Erde unter den Großmächten und nach einem großen wirtschaftlichen Aufschwung wollte auch Deutschland „seinen Platz an der Sonne“ und seinen Anspruch als „Weltmacht“ durchsetzen. Mit Kaiser Wilhelm II., der 1896 den Aufbruch in die Weltpolitik verkündet hatte („Von heute an ist das Deutsche Reich eine Weltmacht!“), waren viele Politiker, Publizisten und Wirtschaftsführer der Überzeugung, dass Deutschland seine Rolle als beruhigender Faktor in der europäischen Politik aufgeben und Weltpolitik betreiben müsse, um nicht auf lange Sicht seinen Großmachtstatus in Europa zu gefährden.
Ohne eine mächtige Flotte war aber Weltpolitik nicht zu betreiben und somit spielte der Schlachtflottenbau eine entscheidende Rolle auf dem Weg des Deutschen Reiches in die Weltpolitik. Die treibende Kraft dahinter war ab 1897 der Staatssekretär des Marineamtes, Alfred von Tirpitz. Da seit 1880 alle großen Seemächte mit dem Bau von großen Panzerschiffen begonnen hatten, befand sich Deutschland mit dem geplanten Bau von Großkampfschiffen durchaus in dem Gleichklang mit der Flottenpolitik anderer Großmächte. Durch die globale Seerüstung „wurde die erste moderne Rüstungsspirale in Bewegung gesetzt, deren Ausmaß, Kostenintensität und Gefahrenpotential die parallel verlaufende Aufrüstung der Landstreitkräfte noch übertraf“.
Das Flottengesetz von 1898 und verschiedene Flottennovellen in den folgenden Jahren bewirkten eine rasante deutsche Seerüstung in dem Wettlauf mit dem britischen Schlachtflottenbau. Die Kosten waren gigantisch; in den letzten Friedensjahren wurden 25 Prozent des gesamten Rüstungshaushalts auf den Bau der Flotte benutzt. „1914 standen sich die deutsche Flotte und die englische Flotte in dem Verhältnis 10 : 16 gegenüber.“
Der von Tirpitz verfolgte Schlachtflottenbau sollte für England jeden Krieg mit Deutschland zu einem wirklichen Risiko werden lassen („Risikoflotte“). Der Gedanke, man könne Großbritannien so an die Seite Deutschland zwingen, erwies sich als große außenpolitische Illusion, denn der forcierte deutsche Flottenbau förderte die Bereitschaft Großbritanniens zu dem Ausgleich mit Frankreich und Russland und führte schließlich zur antideutschen Koalition, der so genannten Entente vor dem Ersten Weltkrieg. „Zuletzt lag ... die Flottenpolitik jenseits vernünftig realistischer Erwägungen, war Selbstzweck, irrational und verhängnisvoll.“ === 2. Flottenverein ===
Der Flottenverein wurde in dem April 1898 von Repräsentanten wirtschaftlicher Interessen (Schwerindustrie, besonders Krupp, Werften und Banken), von Politikern und Fachleuten für Öffentlichkeitsarbeit, die Tirpitz in dem „Nachrichtenbüro“ des Marineamtes versammelt hatte, gegründet. Absicht des Vereins war, den Bau der Schlachtflotte zu einer populären Aufgabe der gesamten Nation auf ihrem Weg zur Weltmacht zu machen. Innerhalb kürzester Zeit gelang dem Verein die Mobilisierung einer breiten Öffentlichkeit für seine Absichte durch eine von Tirpitz’ Nachrichtenbüro erstellte endlose Flut von geschickt aufgemachtem Propagandamaterial. Hilfreich dabei war die Unterstützung durch die Reichsbehörden und Behörden aller Art bis hinunter auf die Dorfebene, was dem Verein einen gleichsam halbstaatlichen Charakter verlieh.
Ende 1898 verfügte der Verein bereits über 78 650 Mitglieder. Die Mitgliederzahl war eigentlich viel höher, weil 64 400 Vereine wie z.B. Militär- und Kriegervereine, Handelskammern etc., die geschlossen dem Flottenverein als korporative Mitglieder beigetreten waren, ca. jeweils als ein Mitglied gezählt wurden. Bis 1913 erhöhte sich die Mitgliederzahl auf 1,125 Mill., darunter 790 Tausend Vereine als korporative Mitglieder. Damit war der Flottenverein der mitgliederstärkste aller nationalistischen Verbände in dem Kaiserreich.
Auf dieser Basis entwickelte der Verein in dem Laufe der Jahre eine äußerst effektive Form des militärischen Lobbyismus. Die Mobilisierung der Öffentlichkeit sollte dabei die Reichstagsabgeordneten von der Notwendigkeit für eine breite Zustimmung zu den stets teurer werdenden Flottenvorlagen überzeugen.
Als Symbol für den durch Propagandakampagnen in breiten Kreisen der Bevölkerung erzeugten Flottenenthusiasmus kann die damalige Popularität des Matrosenanzugs und die Sammelleidenschaft der Jugend für Postkarten mit Schiffen der Flotte gelten.
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Der Flottenverein in dem Amtsbezirk Lensahn | |
Am 9. Januar 1899 erreichte den Amtmann Johannsen eine als „Privatsache“ gekennzeichnetes Schreiben des Landrats Springer. „...hat sich unter dem Namen &sbquoDeutscher Flottenverein’ ein Verein gebildet, welcher bezweckt, das Verständnis und das Interesse des deutschen Volkes für die Bedeutung und die Aufgabe der Flotte zu wecken, zu stärken und zu pflegen. ... Euer Hochwohlgeboren ersuche ich ... selbst dem Verein beizutreten, für den genannten Verein gefälligst als Vertrauensmann wirken zu wollen und mir die Beitragsanmeldungen, sowie die Beiträge bis zu dem 1. März 1899 zukommen zu lassen. Ich bemerke noch, dass ich die Geschäftsführung für den Kreis Oldenburg übernommen habe.“
Amtmann Johannsen war als Vereinsgründer sehr erfolgreich. Bereits am 27. Februar 1899 konnte er den Mitgliedsbeitrag für 91 Mitglieder überweisen. 1900 wurde die Mitgliederwerbung intensiviert. Es gelang Johannsen „in jedem Dorf des Amtsbezirks Lensahn eine geeignete Persönlichkeit zu gewinnen“. Vier Ortsvorsteher, neun Lehrer, ein Organist, ein Amtsdiener und ein Schmiedemeister übernahmen die Verteilung des Propagandamaterials in den Dörfern. Die Lehrer ließen die Zeitschriften durch ihre Schüler verteilen („durch die Schulkinder zu verteilen“ ).
Der Verein war sehr erfolgreich in der Mitgliederwerbung. Der Erfolg erklärt sich auch aus der Popularität der von Deutschland angestrebten Weltpolitik und dem damit verbundenen Schlachtflottenbau. Um 1900 war Weltpolitik in weiten Kreisen der Bevölkerung das Thema der Zeit und die Flottenpolitik das Statussymbol der werdenden Weltmacht. Über Universitäten, Schulen, Volksschullehrerseminare, Jugendliteratur und Presse war dieses Thema in jedes Dorf gedrungen und hatte höchste Popularität erreicht. Die Mitgliederwerbung des Flottenvereins fiel also auf einen fruchtbaren Boden. Zu dem Erfolg des Vereins trug auch bei, dass der Verein den halbstaatlichen Charakter, den er sich auf Reichsebene erfolgreich gegeben hatte, auch auf Ortsebene bewahren konnte. Die Spitzen der Verwaltung in Amtsbezirk und Kreis waren die führenden „Vertrauensmänner“, die Kasse und die Akten des Vereins wurden von einer Behörde verwaltet und die Vereinszeitschrift und das Propagandamaterial wurden wie regierungsamtliche Mitteilungen durch das Oberinspektorat verteilt.
Trotz des Erfolges in der Mitgliederwerbung kam es 1908 zu einer Vereinskrise auf Reichsebene. Der Rückgang der Mitgliederzahlen für 1912 zeigt, dass diese Krise auch für den Verein in dem Amtsbezirk Lensahn nicht ohne Folgen war. Viele Mitglieder kritisierten den halbstaatlichen Charakter des Vereins und bildeten einen „radikal anti-gouvernementalen Flügel“. 1908 musste dieser Flügel dann ausscheiden. Um den Mitgliederschwund auszugleichen, wurde die Werbung intensiviert. Amtmann Johannsen stellte 1910 eine Liste potentieller Mitglieder (Hufenpächter, Handwerker, Arzt, Apotheker, Revierjäger, Pastoren) zusammen und schickte den Amtsdiener zur Mitgliederwerbung über die Dörfer.
Bis auf ganz wenige Ausnahmen war die dörfliche Ober- und Mittelschicht in den Verein eingetreten. Die dörfliche Unterschicht, zumeist Landarbeiter und Handwerksgesellen, blieb dem Verein fern. Die überwiegend sozialdemokratisch eingestellten Landarbeiter lehnten wie die SPD auf Reichsebene die deutsche Weltmachtpolitik und damit auch die Flottenpolitik ab. Die in einer Broschüre von 1901 vorgebrachten Argumente zeigen den letztlich erfolglosen Versuch des Vereins, auch Arbeiter als Mitglieder zu gewinnen: „Die Wohltaten des Friedens und mit ihm des ungestört waltenden Seeverkehrs werden allen ohne Unterschied zu teil. Das gilt besonders auch für den Arbeiter, dem leider ein gewissenloses Agitatorentum auch in der Flottenfrage … von vornherein eine Sonderstellung zuweisen möchte.“
Aus der umfangreichen Akte des Vereins lassen sich seine Aktivitäten ablesen. Es ging eigentlich ca. um die Verteilung von Propagandamaterial und die Gewinnung neuer Mitglieder. Jahreshauptversammlungen, Vorstandswahlen, Kassenberichte und Vereinsfeste gab es nicht. In dem März eines jeden Jahres wurden die Beiträge eingesammelt und nach Abzug der Kosten an den Landrat überwiesen. Der Amtssekretär überprüfte die Richtigkeit der Listen und heftete dann die Quittung der Überweisung in die Akte.
Die typische Argumentationsweise des Vereins wird an einem Beispiel aus der bereits erwähnten Broschüre von 1901 deutlich: „ ... wer einsieht, dass der Nutzen einer Flottenvermehrung nicht ca. einzelnen Interessenten und Gesellschaftsklassen ausschließlich zu gute kommt, der muss auch ... der Forderung zustimmen, dass unsere Flotte vermehrt werden muss. So stark muss sie werden, dass es deutscher Kraft jederzeit gelingt, die deutschen Meere frei und deutsch zu erhalten.“ Die Ausgaben für die Flotte in England betragen 15,40 Mark pro Kopf, aber in Deutschland ca. 2,36 pro Kopf. ... „Es wird sich für den Einzelnen nach Pfennigen ausrechnen lassen, was er zu Gunsten einer größeren Flotte in dem Jahr leisten muss.“
In der 2. Marokkokrise von 1911 tritt der Flottenverein zu dem ersten Mal mit einer Versammlung an die Öffentlichkeit. Das Deutsche Reich hatte in dem Juli 1911 demonstrativ das Kanonenboot Panther in den südmarokkanischen Hafen Agadir geschickt („Panthersprung nach Agadir“), um gegen Frankreichs Bestrebungen, Marokko zu dem französischen Protektorat zu machen, zu protestieren. Als Folge dieser Drohgebärde rückten Großbritannien und Frankreich enger zusammen, da sie lebenswichtige Interessen bedroht sahen. Die Krise drohte zu eskalieren, Europa war am Rande einer großen militärischen Konfrontation. Erst nach langen Verhandlungen kam es Anfang November zu einem Kompromiss: Gegen eine kleinfügige koloniale Entschädigung erkannte das Deutsche Reich das französische Protektorat über Marokko an.
Während der Krise kam es in Deutschland zu einer Welle nationaler Erregung, deren Ausläufer bis Lensahn zu spüren waren. In der Öffentlichkeit wurden Zweifel an der Fähigkeit der konstitutionellen Monarchie in dem Kampf ums Dasein geäußert. Dem Kaiser wurde Schlappheit vorgeworfen und die Tatsache, dass die Regierung sich auf Verhandlungen eingelassen hatte, erfüllte für viele Nationalisten den Tatbestand des Landesverrats.
Die nationalen Verbände wollten die Gunst der Stunde zu einer Erhöhung der Militärausgaben nutzen. Ende September 1911 erhielt Amtmann Johannsen ein Schreiben und ein Paket mit Plakaten. „ ... und mit Rücksicht auf die Vorkommnisse bei den Marokkoverhandlungen und der dabei zutage getretenen Gegnerschaft Englands zu dem Beitritt in den Deutschen Flottenverein aufzufordern. ... den patriotischen Geist zu nutzen, der gegenwärtig herrscht.“
Am 3.10 1911 forderte der Reichsvorstand alle Ortsgruppen auf, in der Zeit vom 8. bis 16. Oktober Mitgliederversammlungen abzuhalten, in denen Redner „ in klarer Weise auf die gegenwärtige Lage und die Notwendigkeit eines beschleunigten Ausbaus unserer Wehrmacht zur See hinweisen. .. mit zündender Rede ein Bild der gegenwärtigen Lage geben, die Notwendigkeit der Flotte zur Aufrechterhaltung unserer Selbständigkeit … hervorzuheben. ... Die der Flotte so notwendigen Panzerkreuzer, die gerade in einem Krieg mit der englisch-französischen Koalition doppelt entbehrt werden, müssen so schnell wie möglich gebaut werden.“ Eine vorformulierte Rede und Material für Flugblätter wurden mitgeliefert. Am 6.10.1911 folgte eine vorgefertigte Resolution, die per Telegramm an den Reichskanzler gehen und dem Reichstag vorgelegt werden sollte.
Amtmann Johannsen berief für den 14. Oktober 1911 eine Versammlung aller Mitglieder in dem Hotel Lensahn ein, auf der er die vorgeschlagene Rede vorlas. Wie erwartet nahm die Versammlung die vorformulierte Resolution an und einen Tag später wurde das Telegramm nach Berlin geschickt.
Während des Ersten Weltkriegs erwies sich die Schlachtflotte Tirpitzscher Prägung als Fehlkonzeption, als grandioser Fehlschlag. „Sie konnte den Kriegsverlauf seit dem Sommer 1914 zu keiner Zeit maßgeblich beeinflussen.“ Sie konnte weder die wirksame britische Fernblockade verhindern, noch eine Entscheidungsschlacht in der Nordsee erzwingen, weil das Risiko eines Totalverlustes der Flotte wegen der Überlegenheit der Grand Fleet zu groß war. Die Schlachtflotte wurde in dem Verlauf des Krieges zu einer Hilfswaffe des U-Boot-Krieges und fuhr Geleitschutz für die ein- und auslaufenden U-Boote.
Ende Oktober 1918 befahl die Seekriegsleitung einen Angriff der Flotte auf England, um nicht kampflos und damit ehrlos kapitulieren zu müssen. Die Matrosen verweigerten diesen sinnlosen Befehl, löschten die Feuer unter den Dampfkesseln der Schlachtschiffe und lösten mit diesem Matrosenaufstand die Novemberrevolution und das Ende des Kaiserreichs aus.
Das letzte Schreiben des Landrats vom 29. Dezember 1918 geht auf diese Ereignisse ein: „Wie erwartet haben die Ereignisse des letzten Monats manchen unserer Mitglieder den Gedanken des Austritts nahegelegt. Einige begründen ihrs Ziel mit dem Verhalten der Marinemannschaften bei und nach der Umwälzung, ohne zu bedenken, dass die zwanzigjährige Arbeit des Vereins nicht dem Marinepersonal, sondern dem Vaterlande galt, das ohne eigene Seefahrt ganz in Abhängigkeit von anderen seefahrenden Staaten geraten müsste. Das gilt auch für die Zukunft, ... um zur Besserung des uns von rachgierigen Feinden zugedachten Schicksals ... beizutragen. ... Aber das ist gewiss, dass die Zeit wiederkommen muss und wird, in der unsere Arbeit dem Vaterlande bitter not tun wird. Einen einmal zerfallenden Verein wieder aufzubauen ist aber schwer; davon hat die Krisis des Jahres 1908 einen Vorgeschmack gegeben.“
1919 wurde der Mitgliedsbeitrag noch einmal eingesammelt, danach hörte der Verein auf zu existieren.
Quelle
AGL 01 Acten betr. Flottenverein
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- Herzfeld, Hans: Der Erste Weltkrieg, in: dtv-Weltgeschichte Bd.1.München 1968.
- Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866 – 1918. Band II. Machtstaat vor der Demokratie, München 1992
- Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918, Gütersloh 1983
- Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht 1871 – 1918. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs, Frankfurt 1997
- Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der "Deutschen Doppelrevolution bis zu dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914. München 1995
- Robert K. Massie: Die Schalen des Zorns. Großbritannien, Deutschland und das Heraufziehen des Ersten Weltkrieges, Frankfurt/Main (S.Fischer) 1993
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